
Im Gegensatz zur bereits in Teil-3 dargestellten Überdurchschnittlichkeitsillusion beschreibt die Vermessenheitsverzerrung, dass Menschen nicht nur glauben, besser als der Durchschnitt zu sein, sondern auch dazu neigen, ihre Fähigkeiten, ihr Wissen oder Urteilsvermögen zu überschätzen und dies auch anzuwenden.
Aus wissenschaftlicher Sicht ist dies eine kognitive Verzerrung, durch die wir uns selbst oft für fähiger halten, als wir wirklich sind.
Viele Untersuchungen belegen, dass dieses Phänomen in verschiedenen Lebensbereichen auftritt – etwa bei der Selbsteinschätzung der Fahrkünste, im Beruf oder beim Treffen finanzieller Entscheidungen.
Praxisbeispiele aus dem Alltag
- Beruf und Karriere: Viele Menschen glauben, sie könnten Aufgaben besser erledigen als ihre Kolleginnen und Kollegen – selbst wenn objektive Ergebnisse das Gegenteil zeigen. Das kann zu riskanten Entscheidungen oder Konflikten im Team führen.
- Finanzen: Bei Geldanlagen überschätzen Menschen oft ihre Fähigkeit, den Markt vorherzusagen und treffen riskante Investitionen.
- Alltag: Auch die Überschätzung eigener Fahrfertigkeiten fällt darunter. Ich war früher nebenberuflich als professioneller Trainer im Auto- und Motorradbereich tätig und konnte jedem Teilnehmer beweisen, dass er sein Fahrzeug -trotz aller elektronischen Assistenzsysteme- und scheinbarer Suggestion von Sicherheit -selbst bei niedrigen Geschwindigkeiten- in verschiedenen Fahrsituationen nicht beherrscht.
Umgang mit der Vermessenheitsverzerrung im Coaching
Im Coaching hatte ich schon oft mit Menschen zu tun, die unbewusst/unwillkürlich in negative Situationen gerieten und sich herausstellte, dass sie einer Vermessenheitsverzerrung "zum Opfer fielen". Im Coaching kann eine Vermessenheitsverzerrung erkannt und reflektiert werden. Viele Überzeugungen und Denkmuster von Klientinnen und Klienten beruhen auf wiederholten Selbst-Aussagen, die von ihnen selten kritisch hinterfragt werden.
- Bewusstmachen: Im Coaching kann gemeinsam analysiert werden, welche Überzeugungen durch Wiederholung entstanden sind und ob sie tatsächlich wahr oder hilfreich sind.
- Kritisches Hinterfragen: Klientinnen und Klienten werden ermutigt, ihre eigenen Annahmen und Glaubenssätze zu prüfen: „Woher weiß ich das eigentlich?“ oder „Habe ich das überprüft?“
- Positive Selbstbekräftigung: Der Wahrheitseffekt kann gezielt genutzt werden, um neue, hilfreiche Glaubenssätze zu etablieren. Durch wiederholte positive Selbstgespräche („Ich kann das schaffen“) werden diese Überzeugungen mit der Zeit glaubwürdiger und wirksamer.
- Umgang mit Informationsflut: Klientinnen und Klienten lernen, Informationen kritisch zu prüfen und sich nicht von der bloßen Wiederholung beeinflussen zu lassen – besonders wichtig im digitalen Zeitalter.
Fazit
Die Vermessenheitsverzerrung ist ein weit verbreitetes Phänomen, das unser Denken und Handeln beeinflusst. Im Coaching kann sie gezielt reflektiert und bearbeitet werden, um realistischere Selbstbilder und bessere Entscheidungen zu fördern. Wer lernt, eigene Überzeugungen kritisch zu hinterfragen und eine positive, aber realistische Einstellung zu etablieren, kann langfristig profitieren – beruflich wie privat.
Vielen Dank für Ihr Interesse ... und bis zum nächsten Mal.
Ihr
Romanus Benda
